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Der Tag, an dem die Stadt Böblingen ihr Gesicht veränderte

Der Bombenangriff der Alliierten vom 7. Oktober 1943

Quelle: Kreiszeitung/Böblinger Bote vom 7. Oktober 2003

Böblingen - Es war jener Tag, an dem Böblingen sein Gesicht schlagartig, nachhaltig, ja bis heute wirksam, veränderte. Der verheerende Angriff der Alliierten am 7. Oktober 1943 ist vielen noch in Erinnerung. Beim Ökumenischen Gottesdienst zum 50. Jahrestag schilderte unser dieses Jahr verstorbene Mitarbeiter Walter Rebmann, wie er den Tag und die Nacht erlebte. Im Folgenden also der Text von Walter Rebmann:

Bild: Die Ruinen von Stadtkirche und Schloss nach dem Bombenangriff vom 7. / 8. Oktober 1943. (Foto: Stadtarchiv Böblingen) - Für eine vergleichende Ansicht vor und nach der Zerstörung klicken Sie bitte hier

7. Oktober 1943. Ein prächtiger Herbsttag. Viele Böblinger waren nachmittags auf ihren Baumäckern vor der Stadt und ernteten Obst. Müde sank man abends ins Bett. Auch unbesorgt, obwohl sich in jüngster Zeit die Fliegerangriffe auf Deutschland mehrten und immer häufiger feindliche Bomberpulks über die Stadt zogen. Aber inzwischen hatte sich dichter, undurchdringlicher Nebel ausgebreitet und wie eine Tarnkappe über die Stadt gelegt. In ihrem Schutz könnte man in dieser Nacht ruhig schlafen, sicher wie in Abrahams Schoß.

Dennoch heulten nachts die Sirenen. Mit zwölf Jahren hat man einen gesunden Schlaf, ich wachte nicht davon auf. Auch meine sonst so vorsichtige Mutter ließ mich ruhig weiterschlafen, weil der dichte Nebel den Gedanken an eine Gefahr gar nicht erst aufkommen ließ.

Bild: Böblinger Altstadt nach dem Bombenangriff. Inmitten des Trümmerfeldes gut zu erkennen sind die Ruinen des klassizistischen Rathauses. (Aus. Erich Kläger, Böblingen in alten Ansichten, Böblingen 1976, S. 131 - klicken Sie in das Bild, um es zu vergrößern

Und dann bricht plötzlich gegen Mitternacht das Inferno los. Ich schnelle aus dem Bett, barfuss und im Nachthemd jage ich die Treppe herab in den Keller, ein paar Stufen auf einmal nehmend. Auf allen Seiten heulen Bomben herab, explodieren mit ohrenbetäubendem Knall und zuckenden Blitzen. Fensterscheiben bersten klirrend, und die vom Luftdruck angehobenen Dachziegel poltern in geräuschvollen Lawinen das Dach herab. Brände flackern auf, Blitze zucken. Heulen und Detonationen auf allen Seiten. Auch im Keller schwindet das Gefühl des Hilflos-Ausgeliefert-Seins nicht. Todesangst hat die Menschen ergriffen. Aneinandergeschmiegt hocken sie da, zitternd im Dunkel. Kinder heulen und wimmern, Frauen und Männer beten laut.

Und weiter tobt das Inferno. Die Erde bebt. Immer wieder erreichen Druckwellen explodierender Bomben auch den Keller und reißen die Tür auf. Das Kellerfenster löst sich aus den Angeln und fällt mir fast auf den Kopf. Wie durch ein Wunder bleibt das Glas heil. Fahles Licht zuckt immer wieder über die angsterfüllten Gesichter. Plötzlich lähmendes Entsetzen: Bösartig zischend brennt in nächster Nähe eine Brandbombe ab, taucht den Keller in gespenstisches Licht. Brennt bereits das Haus? Wir wissen es nicht. Aber keiner traut sich im Bombenhagel hinaus, um nachzusehen oder gar zu löschen.

Bild: Das Plattenbühl mit der Ruine des alten Südflügels des Böblinger Schlosses - für eine vergleichende Ansicht vor und nach der Zerstörung klicken Sie bitte hier

Etwa eine halbe Stunde dauert der Angriff, eine halbe Ewigkeit des Schreckens-, Kaum kann man glauben, dass sie ein Ende hat, braucht Zeit, bis man sich aus den Klauen der Todesangst löst und wieder ins Freie traut. Wir sind glimpflich davongekommen. Unser Haus steht noch. Nur die Fenster sind zerborsten und das Dach ist abgedeckt. Wir haben Glück gehabt: Zwei Stabbrandbomben haben das Haus um Haaresbreite verfehlt und haben nur einen Meter, von der Hauswand entfernt ihr weißglühendes Magnesium versprüht. Sonst bietet die Stadt ein Bild des Schreckens. Drei Häuser brennen in unmittelbarer Nachbarschaft, dröhnend stürzen brennende Balken herab, brechen Mauern zusammen. Die Luft ist erfüllt mit penetrantem Brandgeruch, jetzt, tagelang. Glutrot ist der Himmel über der brennenden Altstadt gefärbt, und langsam fressen sich die Flammen am Dachstuhl und Turm der Stadtkirche herab und lassen das Herz eines jeden Böblingers, der an seiner Heimatstadt hängt, bluten.

"In dieser Kirche hat sich's ausgepredigt für immer", sagte einige Tage später Wilhelm Murr, der nationalsozialistische Reichsstatthalter für Württemberg, als er in den Trümmern der ausgebrannten Kirche stand. Er hat sich getäuscht: In einer großen Gemeinschaftsleistung von Kirchengemeinde, weltlicher Gemeinde und spendenwilligen Bürgern wurde diese Kirche als eines der ersten Gebäude der Stadt wieder aufgebaut, ein weithin sichtbares Zeichen des Wiederaufbauwillens, und konnte bereits 1950, als die übrige Altstadt noch in Trümmern lag, eingeweiht werden.

Mit freundlicher Genehmigung der Kreiszeitung/Böblinger Bote

Stadt Böblingen

Bilanz des Schreckens
In der Nacht vom 7. / 8. Oktober 1943 fielen 408 Brandbomben und 35 Sprengbomben auf die Böblinger Altstadt. 44 Menschen fanden den Tod (20 Männer, 12 Frauen, 12 Kinder), etwa 200 Personen wurden verwundet, 1735 Menschen obdachlos, nahezu 70% der Altstadt war zerstört. Die Toten wurden am 13. Oktober 1943 auf dem Böblinger Friedhof beigesetzt.
Heute weiß man, dass der Angriff eigentlich Stuttgart treffen sollte. Starker Hochnebel irritierte jedoch die alliierten Flugverbände, so dass sich die Bombardierung über die gesamte Region bis nach Böblingen hinzog.
Im Juli 1944 folgte noch ein weiter Bombenangriff, bei dem 36 Menschen starben.
Zusätzliches Material zum alliierten Bombenangriff vom 7. / 8. Oktober 1943 finden Sie auf folgenden Zeitreise BB-Seiten:

Quellen und Augenzeugenberichte:
Bericht der Schutzpolizeidienstabteilung Böblingen vom 6.12.1944
Bericht des Böblinger Luftschutzleiters
Schulaufsätze
Schreckliche Schicksale
Der Luftangriff vom 7. / 8. Oktober 1943 in Mauren Augenzeugenbericht

Literaturhinweise:
Karl Bauer: Zerstörung der Kreisstadt Böblingen im Zweiten Weltkrieg und ihr Wiederaufbau. Ehrenbuch für die Gefallenen und Vermissten 1939-1945, hrsg. von der Stadt Böblingen im Oktober 1963 anlässlich des 20. Jahrestages des Luftangriffs am 7./8. Oktober 1943.
Erwin Funk: Böblingen im Dritten Reich Teil 1. Luftangriffe und Luftschutz in Böblingen, Böblingen 1983.
Erwin Funk: Böblingen im Dritten Reich Teil 2. Erinnerungen und Erfahrungen in Berichten und Dokumenten, Böblingen 1987, S. 196-213.
Barbara Hammerschmitt: 1919-1945: Demokratie und Diktatur, in: Böblingen Vom Mammutzahn zum Mikrochip. Im Auftrag der Stadt Böblingen herausgegeben von Sönke Lorenz und Günter Scholz, Böblingen 2003, S. 328-361.
Erich Kläger: Böblingen in alten Ansichten, hrsg. von der Stadt Böblingen, 1976, S. 120-134.

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