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Das Gesuch des Bäckers

Friedrich Broß bittet um Ausschankgenehmigung für Bier und Branntwein

Quelle: Historische Blitzlichter aus dem Böblinger Kreisarchiv, Böblingen 2001

Autorin: Dr. Helga Hager

Foto: Das "Lamm" in Öschelbronn expandierte seit 1866 zu einer ansehnlichen Gastwirtschaft und befindet sich heute in schwäbisch-italienischer Familienhand

"Eine Ausschankberechtigung würde natürlich sein Beckergewerbe verbessern ..." So kommentiert der Öschelbronner Gemeinderat im Januar 1866 das Gesuch des Bäckers und Branntweinbrenners Friedrich Broß, in seinem Wohnhaus Bier und Branntwein ausschenken zu dürfen. Der Gemeinderat hatte die Aufgabe, solche Gesuche vor dem Hintergrund der örtlichen Verhältnisse zu begutachten und anschließend an das Oberamt Herrenberg weiterzuleiten; dieses erteilte letztendlich die Konzession.

Im Gutachten heißt es zunächst, dass das örtliche Bäckergewerbe durch die Einrichtung der Gemeindebackhäuser geschäftliche Einbußen habe hinnehmen müssen, ja sogar "Not leide". Gleichwohl befürworten die Gutachter nur den Bierausschank, den Branntweinausschank lehnen sie strikt ab. Sie begründen dies mit dem "Übel des übermäßigen Schnapstrinkens", das in früheren Jahren in der Gemeinde Verderben und Ärgernisse hervorgerufen habe. Der Bedarf an Branntwein - er wurde vermutlich aus Getreide hergestellt - sei überdies durch die drei anderen Schildwirtschaften wie auch durch die bereits in der Gemeinde vorhandenen Branntweinbrennereien gedeckt. Der Bierausschank dagegen sei insofern gerechtfertigt, da man infolge der teuren Weine auf Bier angewiesen sei und die beiden Bierbrauer am Ort nur "schwaches" Bier fabrizierten; es werde jedoch stärkeres, "schmackhaftes" verlangt.

Das Oberamt in Herrenberg folgte dann auch der Empfehlung des Gemeinderats und erteilte dem Bäcker die "persönliche Konzession" für den Bierausschank.

Neue Verdienstmöglichkeiten im Gastgewerbe
Das Bemühen des Bäckers Friedrich Broß um einen Zuverdienst im Gastgewerbe beleuchtet anschaulich das wirtschaftliche Klima in den Dörfern der Oberämter Herrenberg, Leonberg und Böblingen im Übergang zur Industrialisierung. Bei wachsender Bevölkerung und starker Güterzerstückelung vermochte weder die Landwirtschaft noch das Gewerbe ausreichende Verdienstmöglichkeiten bereitzustellen. Obgleich Friedrich Broß neben dem Handwerk noch Landwirtschaft betrieb, war das Auskommen der Familie offenbar nur knapp bemessen. Deshalb war er wohl auch bestrebt, mit dem Ausschank des selbst hergestellten Branntweins eine weitere Einnahmequelle zu erschließen. Dass der Gemeinderat darin einen Schaden für das Gemeinwohl, nämlich soziale und wirtschaftliche Gefährdungen befürchtete, verrät auch etwas über die innere Verfassung der dörflichen Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne.

Speziell mit dieser preiswerten, hochprozentigen Spirituose, die sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Alltagsgetränk etabliert hat, kam eine neue Qualität in den Alkoholgebrauch. Sie war gekennzeichnet durch die Beschleunigung und Intensivierung des Rausches und eine exzessive öffentliche Trinkkultur. Hinter dieser Exzessivität lässt sich eine Fülle psychosozialer Trinkmotive, traditioneller Einstellungen und Trinknormen vermuten: der Wunsch nach Euphorisierung, Betäubung und Alltagsflucht, nach Luxus und Genuss, der Glaube an die stärkende und heilende oder vorbeugende Kraft des "Lebenswassers", wie der Branntwein auch bezeichnet wurde, das Vieltrinken als Zeichen von Virilität und als Inhalt männlichen Gemeinschaftsvergnügens.

Das "Lamm", wie die Schankwirtschaft später benannt wird, expandierte im Laufe der Jahre zu einem ansehnlichen Gastwirtsbetrieb. Noch heute ist es in (schwäbisch-italienischer) Familienhand.
Mit freundlicher Genehmigung des Kreisarchivs B÷blingen

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