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Affstätt>>Freudendenkmal für Johann Georg Böckle
Zur Schulgeschichte von Affstätt

Freudendenkmal für Johann Georg Böckle

Quelle: Beiträge zur Schulgeschichte des Kreises Böblingen von der Reformation bis um 1800, Böblingen 1971, (Veröffentlichungen des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e.V. Band 11), S. 85-87.

Autor: Felix Burkhardt
In Affstätt, dem Filialort von Kuppingen, ist, wie die Heß'sche Chronik berichtet, die Schule erst nach Errichtung des Kirchleins durch ledige Schulmeister oder Provisoren1* versehen worden. ... Ein Schulhaus war seit 1760 vorhanden. Doch hatte dieses Haus nur eine Stube, die nicht einmal getäfert war und zugleich als Wohnstube dienen musste. Im Winter war sie kalt und feucht. ...

Um 1774 übernahm Johann Georg Böckle die Schule. Er stammte aus dem Ort, war hier am 25. 2. 1752 geboren. Sein erlerntes Handwerk als Leineweber betrieb er weiter. In keiner Weise vernachlässigte er jedoch seine Schule. Geschickt wandte er seine erworbenen Kenntnisse an, besaß eine nützliche Lehrart und hielt weise Zucht. "Ohnmangelhafter Fleiß" begleitete ihn durch alle seine Schulmeisterjahre. Obwohl er nur eine geringe Besoldung besaß, verwandte er seine gesamten Mittel, um ein Haus zu bauen und seinen fünf Kindern ein Unterkommen zu verschaffen. Seine Vorgesetzten erkannten seine Lage an: "Es ist zu bedauern, daß er bei seinem vielen Fleiß in der Schule so schlecht salariert ist" (1803). 60 Gulden2* betrug seine Besoldung (1810).

Der Prälat von Seubert3*, der den Schulmeister Böckle aus seinen Vikarsjahren kannte, hat ihn in den "Blättern für Süddeutschland" (I. Bd. 1837 3. Heft S. 81/82) treffend geschildert:

"Hier sei der Ort wo ich dem Besten Schullehrer, den ich genauer kennen lernte, ein Freudendenkmal setze das seines Zwecks um so weniger verfehlen wird, da der Gepriesene nicht mehr unter den Lebenden ist.
Joh. Gg. Böckle, Filialschulmeister, Leineweber, Hechler und Krautschneider zu Affstätt bei Herrenberg, war vom Glück nicht namhaft mit äußeren Gütern gesegnet. Er besaß ein geringes Vermögen, war kränklich, von ehelichen Verhältnissen gedrückt, hatte 5 Kinder, darunter ein Krüppel, er hatte keine Amtswohnung und einen Gehalt von 40 fl. Sein Äußeres war etwas bizarr, steif, altmodisch, fast lächerlich. Er war zum Schulwesen nicht bestimmt gewesen und hatte sich selbst gebildet. Ob er gleich seine Weberei, Hechlerei und Krautschneiderei mit vielem Eifer trieb, so war doch sein Durst nach Wissenschaft so groß, daß er manche Stunde vom Schlaf abbrach, um zu lesen. Und wie las er? Er nahm den Geist des Buches in sich auf, und wie freute er sich doch so kindlich, als ich seine edle Wissensbegierde nährte, ihm Bücher lieh, mit ihm über deren Inhalt sprach, ihm sagte, was Idee, Problem, analytisch, synthetisch usw. sei. Aber seine Schule und ihn darin mußte man sehen! Schulstube und Schüler waren blank und nett; stiller Frohsinn herrschte, alles war tätig und eifrig, aber ohne Verwirrung und Rumor, und der Lehrer! Ich wußte nicht, sollte ich mehr seine Geschicklichkeit oder seine Liebe und Geduld bewundern. Ich sah ihn nie zornig: ein spannenlanges Stäbchen lag bloß der Formalität wegen auf seinem Tisch, er gebraucht es nicht. Außer einer schwarzen Tafel hat er kein Lehrmittel; ein Mann wie er kann sie entbehren. Halbsimpel hat er zu Menschen gebildet und menschlich sprechen gelehrt. Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß ich von diesem Filialschulmeister und Krautschneider vieles gelernt habe. Schulen wie die seinige habe ich nie mehr gesehen.
Ein Geist der Ordnung und Ruhe hatte die ganze Gemeinde besänftigt: menschlicher Sinn leuchtet jedem Bewohner des Dorfes von der Stirne. Das hatte ein Krautschneider bei einem Gehalt von 40 fl. bewirkt. Und nie hörte ich eine Klage von diesem Mann. Er glaubte, daß man ihn als unbescheiden zurückweisen werde, als ich ihn eine Bitte um Zulage, die ich ohne sein Begehren gemacht hatte, unterschreiben ließ. Er wusste selbst nicht, was an ihm war, aber seine Schüler hingen an ihm und die Gemeinde verehrte ihn mit mir. Verspottet vielleicht wegen seiner 40 fl. und des Kammes, den er im Haar trug, haben ihn meines Wissens nur einige seiner Amtsgenossen. So war der Filialschulmeister Joh. Gg. Bökle in Affstätt bei Herrenberg. Betrachtet mit Ehrfurcht dies Bild, Freunde! Es kann beschämen, ermuntern, stärken. Wer dies liest, wird mit mir sein Andenken ehren.
Diese Blume auf dein Grab, du treuer Knecht des Herrn".

1

Provisor: Lehrergehilfe, bzw. Lehrer in Ausbildung, die Lehreranwärter waren jeweils nur kurze Zeit am Ort.

2

1 Gulden (fl) = 60 Kreuzer (kr). Nach der Währungsumstellung entsprach 1 Gulden ca. 1,71 Mark. Legt man für eine grobe Währungsumrechnung bestimmte aktuelle Lebensmittelpreise zugrunde, dürfte ein Kreuzer etwa den Gegenwert von 0,80 gehabt haben. Die Guldenwährung im süddeutschen Raum bestand von ca. 1550 - 1875.

3

Seubert war 1805 als Pfarramtsgehilfe nach Kuppingen bei Herrenberg gekommen. Kuppingen mit seinen Filialen Oberjesingen und Affstätt wurde wegen des "trotzigen Geistes" seiner Bewohner nur "die kleine Türkei" genannt. (Gustav Plieninger: Leben und Wirken des verewigten Georg Christian v. Seubert, Dr. der Philosophie, Königl. Württemb. Prälaten und Generalsuperintendenten. Stuttgart: Metzler, 1836)

Der Text wurde gekürzt.

Mit freundlicher Genehmigung des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e.V.

Aus dem Vorwort zur Schulgeschichte von Karl Heß
Literaturhinweis zum Thema "Schulgeschichte"
Johann Michael Bruhn
Die frühe Lehrerfortbildung im jungen Königreich Württemberg.
Wissenschaftliche Arbeit für die Diplomprüfung in Erziehungswissenschaft Studienrichtung Erwachsenenbildung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Die Arbeit wurde im Internet publiziert: http://www.jmbruhn.de/


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