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Gültstein>>Brand 1784

Der große Brand in Gültstein im Jahre 1784


Quelle: "Aus Schönbuch und Gäu. Beilage des Böblinger Boten", 1/1966

Autor: Dr. Adolf Schahl

Dr. Adolf Schahl veröffentlichte im letzten Jahrgang 1964 der Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte eine größere Arbeit über die Steinmetzen- und Baumeisterfamilie Groß. Der jüngere Johann Adam Groß ist besonders als Städtebauer im 18. Jahrhundert hervorgetreten, indem er den Wiederaufbau einer ganzen Anzahl von Städten und Dörfern nach größeren Bränden durchgeführt hat - u.a. Murrhardt, Göppingen, Neuenbürg, Vaihingen/Enz und Tübingen. In unserer Gegend hat er in Gültstein gearbeitet. Die Spuren seiner Tätigkeit sind in der großzügigen Anlage einiger Straßen heute noch sichtbar.

Bild: Das Ortszentrum von Gültstein. Nach dem Brand von 1784 erhielt der Ort großzügig geplante Straßen

In Gültstein brach am 8. Juli 1784, 12 Uhr, während die Bauern von einer Bußpredigt nach Hause gingen, in des Bäckers Johannes Maier Haus, dessen Küche an die hölzerne Scheuerwand grenzte, ein Brand aus, der sich schnell verbreitete.... Innerhalb von dreieinhalb Stunden waren von 172 Gebäuden 62 eingeäschert. An der "nötigen Einreißung der Gebäude" ließ man es nicht fehlen, so dass acht weitere Häuser auf die Verlustliste kamen. Hinzu kam die Kirche, deren wichtigste Ausstattungsstücke jedoch gerettet wurden.

Nach den Abräumungsarbeiten waren die Bauern darauf bedacht, so schnell als möglich an den Wiederaufbau zu gehen. Voreilig schlugen sie Holz oder erstanden frisch geschlagenes Holz und gingen an die Neuerstellung ihrer Höfe. Am 11. August wurde jedoch die Einstellung aller Bauarbeiten wegen ungeeigneten Bauholzes - gewiss aber auch wegen der beabsichtigten Änderung des Ortsbauplanes -, befohlen. ...

Es gab beträchtliche Verzögerungen. Hinzu kam, dass Oberamtmann Hans Ludwig Kraft erst am 21. August den vom Herrenberger Feldmesser Beerstecher gefertigten Riss der Brandstätte der Brand-Versicherungs-Deputation übersandte. ... Fußfälligst baten die Communvorsteher1* am 4. September um Bauerlaubnis. ...Am 9. September übersandte Kraft endlich die von der Behörde als Voraussetzung weiteren Vorgehens bezeichnete Taxations-Urkunde. Am gleichen Tag sprach die Brand-Versicherungs-Deputation aus, sie sei "des ohnzielsetzlichen Dafürhaltens, dass es vorderist darauf ankommen dürfte, einen Bauverständigen, und zwar in der Person des Land Oberbau Inspectors Groß, der bisher in dergleichen Fällen mit wahrem Vorteil gebraucht worden, und alle mögliche Erfahrung hierin hat, nach Gültstein schleunigst abzuordnen, um allda von dem durch das Oberamt eingesandten, in der Anlage befindlichen Riss nötigen Gebrauch zu machen und einen anderen Riss zu besserer Einrichtung dieses beinahe gänzlich eingeäscherten Dorfes zu fertigen". ...

Die Erledigungsnotiz "ex speciali resolutione Serenissimi Domini Ducis"2* stammt vom 18: September. Am 5. Oktober begab sich Groß mit Oberamtmann Kraft nach Gültstein, um den Wiederaufbau einzuleiten. Er ließ einen "accuraten Riß"3* von Feldmesser Heinrich Majer aus Gärtringen machen, dann wurde der Platz "vorder ist in sechs Quartiere" abgesteckt, und zwar nach einem "vorhero zu Haus verfertigten Riß".

Bild: Plan des Baumeisters Groß für den Wiederaufbau der Kirche (Aus: Die Peterskirche in Gültstein, Herrenberg 1991) - klicken Sie in das Bild, um es zu vergrößern

Es gab die üblichen Schwierigkeiten:
"Das Dorf ware vorhin dicht ineinander gebaut und fast mit gar keiner Straßen versehen, weswegen es nach der von mir projectierten Einteilung und Anlegung hinlänglicher gleichwohl nur 30 Schu4* breiter Straßen notwendig geschehen mußte, daß die vorherige Gestalt des Dorfs gäntzlich verändert und also ein jeder Haus-Inhaber von seinem alten Platz theils zu 1/6, 1/8, 1/10 verlieren und abgeben mußte. Dieses gabe nun freylich unter den Bauren, besonders in Ansehung der dabei ohnvermeidlichen Kellerveränderungen und derer fünf Gebäude, die schon einige Wochen vor meiner Ankunft aufgeführt worden, wovon zwei mit geringen Kosten gerückt, drei davon aber gäntzlich abgebrochen ... werden müßten, eine große Bewegung, und ich würde die Durchsetzung meines Projects bald ohnmöglich gefunden haben, wann mich der Oberamtmann nicht auf das nachdrücklichste unterstützt hätte."

Unter Aufwendung von "Forcht und Liebe" gelang es, die Neueinteilung durchzusetzen. Die Bauern wurden im übrigen für den Bodenverlust entschädigt (im Ort mit 3 kr5* pro Schuh, außer Etters6* mit 1 kr 3 h7*). Der Gemeinde freilich waren die 24049,5 Schuh mehr Allmand8* keineswegs willkommen. Hinzu kam, dass das nicht abgebrannte Schäfershäusle, "um es in die gerade Linie der Straße zu stellen", abgebrochen werden musste; ebenso die Spritzhütte9* und das Armenhaus. ...

1

nach heutigem Sprachgebrauch Ortschafts- bzw. Gemeinderäte

2

auf ausdrückliche Anordnung des durchlauchtigsten Herrn Herzogs

3

genauestens gezeichneter Plan

4

Längenmaß. Je nach Region zwischen 25 und 43 cm (1 Schuh = 1 Fuß)

5

kr = Kreuzer. Silbermünze. Legt man für eine grobe Währungsumrechnung bestimmte aktuelle Lebensmittelpreise zugrunde, dürfte ein Kreuzer etwa den Gegenwert von 0,80 gehabt haben

6

ein das Dorf umgebender Zaun aus Brettern oder Hecken

7

h = Heller. Kupfermünze. Bei derselben Berechnung ergibt sich für einen Heller etwa der Gegenwert von 0,10

8

Weide, Wald zur gemeinschaftlichen Nutzung der Dorfeinwohner

9

Feuerwehrhaus

Der Text wurde gekürzt.

Mit freundlicher Genehmigung des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu e.V.

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