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Haslach>>Oberamtsbeschreibung
"... seit 100 Jahren nur ein Gant in der Gemeinde"

Haslach in der Herrenberger Oberamtsbeschreibung von 1855

Quelle: Beschreibung des Oberamts Herrenberg. Herausgegeben von dem königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1855

Bild: Ortsmitte von Haslach (Bild: Landesmedienzentrum BW/Stuttgart)

Haslach, Gemeinde III. Klasse mit 347 evangelischen Einwohnern - Evangelische Pfarrei

Der kleine, übrigens sehr freundliche Ort, der eigentlich nur aus einer Straße besteht, an welcher sich zu beiden Seiten Wohlhabenheit verrathende Häusergruppen lagern, liegt mit angenehmer Aussicht ziemlich hoch über der Ammer, Stunden südwestlich von der Oberamtsstadt.

Im östlichen Theil des Orts steht frei die in einem einfachen, gewöhnlichen Styl im Jahre 1790 erbaute Pfarrkirche, an deren Westseite ein viereckiger, mit Zeltdach versehener Thurm sich befindet. ...Das Innere der Kirche ist freundlich und hell, übrigens ebenso einfach wie das Aeußere; ...

Der Begräbnisplatz befindet sich zur großen Beschwerlichkeit der Einwohner Stunde östlich vom Ort, auf der Markung Herrenberg, an der Stelle des längst abgegangenen Orts Mühlhausen.

Das in der Nähe der Kirche im Jahr 1827 mit einem Gemeinde-Aufwand von 2600 fl.1* erbaute Rathhaus enthält auch die Schule und die Wohnung des an derselben angestellten Lehrers. Zunächst desselben steht das 1843 erbaute öffentliche Back- und Waschhaus. Eine hofkammerliche Zehentsteuer wurde 1851 an die Gemeinde - und von dieser wieder an zwei Ortsbürger um 2000 fl. verkauft.

Der Ort erhält sein Trinkwasser aus 15 Pump- und 2 Ziehbrunnen, die sich übrigens nur in dem untern Theile desselben befinden und überdieß in sehr trockenen Sommern und kalten Wintern zuweilen ihren Dienst versagen, so daß das Wasser an der eine starke Stunde entfernten Ammer geholt werden muß.

Die Einwohner, deren Hauptnahrungsquellen in Feldbau und Viehzucht bestehen, sind im Allgemeinen sehr fleißig, geordnet, religiös, wohlthätig und gut geschult; ihre Vermögensumstände gehören zu den besseren so zwar, daß seit 100 Jahren nur ein Gant2* in der Gemeinde vorkam. Die Güter sind ziemlich gleichmäßig unter den Ortsbürgern vertheilt; der größte Grundeigenthümer besitzt 69 Morgen.

Die mittelgroße, ziemlich unebene, meist gegen Osten abhängige Feldmarkung hat im Allgemeinen einen minder ergiebigen Boden, als die angrenzenden Markungen. ... Auch das Klima ist etwas rauher, als in dem nahe gelegenen Herrenberg, indem der Ort sehr hoch liegt und den Nord-, wie den Ostwinden ausgesetzt ist. ...

Die Landwirthschaft wird mit vieler Umsicht sehr gut betrieben und den Feldern durch starke Düngung, wobei neben den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch Gyps und Hallerde in Anwendung kommen, nachgeholfen; zweckmäßige landwirthschaftliche Neuerungen, wie verbesserte Pflüge, die Walze, die Repssäemaschine etc. haben Eingang gefunden.

An einem südlich geneigten Abhange (in den Weinbergen) wurde früher Weinbau getrieben, statt desselben hat sich die Obstzucht, welche eine besondere Erwerbsquelle der Einwohner bildet, sehr ausgebreitet, so daß gegenwärtig etwa 2000 Obstbäume auf der Markung stehen. ...

Die erstbekannte Nennung des Dorfes ist vom 1. Nov. 775, an welchem ein gewisser Isenhart das Kloster Lorsch mit seinem Besitzthum in Haslach (in Haselaher marca), 15 Leibeigenen und einer Hube beschenkte (Cod. Laur: Nr. 3616).

Es gehörte in späterer Zeit zur Pfalzgrafschaft Tübingen, doch war zeitweise die Lehensoberherrlichkeit von dem pfalzgräflichen Hause auf unbekannte Weise auf die Herren von Lupfen gekommen; ... Bei der Theilung der Pfalzgrafen zu Tübingen-Herrenberg am 23. Febr. 1334 fiel Haslach das Dorf, Leute und Gut und namentlich "der Laienzehnte, den Berchtold Fraiselich hat", dem Pfalzgrafen Rudolf zu (Schmid Urk. 165). An Württemberg wurde Haslach verkauft den 10. Febr. 1382 mit Herrenberg. Das Kloster Bebenhausen machte am Ende des 13. Jahrhunderts hier mehrere Ankäufe. ... Das Kloster Reuthin besaß einen giltbaren3* Hof.

Der große Zehente gehörte vor Zeiten dem Stift Herrenberg, ... noch früher ersterer Zehente dem Kloster Güterstein, der kleine Zehente der Pfarre zu Herrenberg.

In den Jahren 1742 - 44 machte hier ein Betrüger, Michel Hämmerle, durch Geisterbeschwörung und Schatzgräberei ärgerliches Aufsehen; er wurde deßhalb peinlich processirt,4* die Tübinger Juristenfacultät sprach über ihn die Todesstrafe aus, doch verwandelte der Landesfürst dieses Urtheil in lebenslängliche Zuchthausstrafe.

1

Gulden (fl) = 60 Kreuzer (kr). Nach der Währungsumstellung entsprach 1 Gulden ca. 1,71 Mark. Legt man für eine grobe Währungsumrechnung bestimmte aktuelle Lebensmittelpreise zugrunde, dürfte ein Kreuzer etwa den Gegenwert von 0,80 gehabt haben. Die Guldenwährung im süddeutschen Raum bestand von ca. 1550 - 1875.

2

wirtschaftlicher Ruin, Zwangsversteigerung infolge Zahlungsunfähigkeit

3

abgabepflichtig

4

Verhör unter Einsatz der Folter

Der Text wurde gekürzt

Mit freundlicher Genehmigung des Bissinger-Verlags Magstadt

Die Württembergischen Oberamtsbeschreibungen:
Im Jahre 1820 wurde auf Dekret des württembergischen Königs Wilhelm I das "königliche statistisch-topographische Bureau" in Stuttgart gegründet. Zwischen 1824 und 1886 wurden dort genaue Beschreibungen aller 64 württembergischen Verwaltungsbezirke und ihrer Gemeinden erarbeitet. Als 34. Band erschien im Jahre 1855 die Beschreibung des Oberamts Herrenberg. Die Oberamtsbeschreibungen sind eine interessante und unverzichtbare Quelle zur württembergischen Landeskunde und werden als Reprint immer wieder aufgelegt.

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