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Oberjettingen>>Oberamtsbeschreibung
"In der Mitte des Dorfes liegen Kirche, Pfarrhaus, Rathhaus und Schulhaus"

Oberjettingen in der Herrenberger Oberamtsbeschreibung von 1855

Quelle: Beschreibung des Oberamts Herrenberg. Herausgegeben von dem königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1855

Bild: Sog. "Mondscheinkarte" aus Oberjettingen. Links unten das 1900 erbaute kleine Wasserwerk. Am 17. April 1945 wurde das alte Ortsbild (122 Gebäude) durch einen Luftangriff und Artilleriebeschuss stark zerstört. (Aus: Herrenberg - Stadt und Amt in alten Ansichtskarten, hrsg. von T. Schmolz und R. Janssen, Herrenberg 1988) - klicken Sie in das Bild, um es zu vergrößern

Ober-Jettingen, Gemeinde III. Klasse mit 905 Einw., wor. 5 Kath. - Ev. Pfarrei. Die Kathol. sind nach Hailfingen, D.A. Rottenburg, eingepfarrt.

An der Landstraße von Herrenberg nach Nagold liegt, 2 Stunden westlich von der Oberamtsstadt, auf der Hochebene zwischen dem eigentlichen Gäu und dem Schwarzwald, der ansehnliche, mit Obstbäumen umgebene, marktberechtigte Ort, dessen aus Holz erbaute, zum Theil wohlhäbig aussehende Wohnungen häufig mit steinernen Unterstücken versehen und dessen Ortsstraßen ziemlich reinlich gehalten sind.

Beinahe in der Mitte des Dorfes liegen Kirche, Pfarrhaus, Rathhaus und Schulhaus in ganz geringen Entfernungen von einander und bilden im Verein mit einer zunächst stehenden schönwüchsigen Linde die Hauptgruppe desselben.

Die Kirche, welche die Gemeinde- und Stiftungspflege zu unterhalten haben, wurde an der Stelle der früheren im Jahre 1788 in einem modernen, nichts Architektonisches bietenden Styl erbaut; der an der Ostseite stehende, von unten herauf viereckige, massive Thurm geht gegen oben in ein aus Holz erbautes, geschmacklos mit Brettern verkleidetes Achteck über. Auf demselben genießt man eine sehr ausgebreitete, anziehende Aussicht an den Westabhang des Schönbuchs und an einen großen Theil des Steilabfalls der Alp. ...

Innen ist die Kirche hell, geräumig und enthält außer einem gut aus Holz geschnittenen Bild des Gekreuzigten nichts Bemerkenswerthes. ...

Das Pfarrhaus, dessen Unterhaltung dem Staate obliegt, ist sehr ansehnlich und bildet mit seinen Nebengebäuden, Garten ec. einen gut geschlossenen, angenehmen Pfarrsitz. Auch das Schulhaus, in welchem zugleich die Lehrerwohnungen eingerichtet sind, ist gut erhalten und geräumig.

An der Volksschule, neben welcher seit sechs Jahren auch eine Industrieschule besteht, ist ein Schulmeister mit einem Lehrgehilfen angestellt.

Das schon ziemlich alte Rathhaus hat wenig Aeußeres. Die früher herrschaftliche Zehntscheuer ist seit 1850 im Besitz zweier Ortsbürger.

Der Ort hat keinen laufenden Brunnen, dagegen etwa 50 Zieh- und Pumpbrunnen. ... Sämtliche Brunnen gehen übrigens, zum großen Uebelstand der Gemeinde in trockenen Jahrgängen aus, so dass die Einwohner genöthigt werden, ihr Wasser außerhalb, 1/8 Stunde südlich, des Orts, in einem Wiesengrund, Oberstetten genannt, zu holen. Da aber die Ansprüche an die hier befindlichen Ziehbrunnen bald zu groß werden, so wird häufig auch Wasser in Unter-Jettingen, ja sogar in dem eine Stunde entfernten Ober-Sulz geholt. Theils zum Feuerlöschen, Theils zum Tränken des Viehs sind fünf Wetten angelegt.

Die kräftig gewachsenen, im Durchschnitt gesunden Einwohner befinden sich in mittelmäßigen Vermögensumständen, so dass die Zahl der Unbemittelten die der Wohlhabenden übersteigt. Der Begütertste besitzt samt Waldungen 70 Morgen.

Die Erwerbsquellen der Einwohner bestehen in Feldbau und Viehzucht; die Gewerbe sind von keinem Belang und beschränken sich auf die nöthigsten Handwerker. ...

Die Luft ist rein und gesund, jedoch ziemlich rau, daher auch Frühlingsfröste häufig dem Obst schaden. ...

Der Ackerbau wird im Dreifeldersystem emsig betrieben und dem Boden durch starke Düngung, welche neben den gewöhnlichen Düngungsmitteln in Jauche, Gips , Hallerde etc. besteht, kräftig nachgeholfen. ...

Eine besondere landwirthschaftliche Merkwürdigkeit sind die sogenannten Jettinger Rüben, deren Anbau den Markungen Ober- und Unter-Jettingen eigen ist und vieler Versuche ungeachtet, anderwärts bis jetzt nicht gelang. Sie werden in einem leichten, gut gedüngten Boden Anfangs Juli, wo möglich den 8. (Kilian) mit weißen Rüben, die man nasse Rüben nennt, gesät, und nachdem man die weiße Rübe im Herbst herausgenommen hat, den Winter über im Boden gelassen, und erst im kommenden Frühjahr herausgeackert, um dann in solche Felder Gerste und Linsen zu bauen. ...

Der meist aus einer rothen Landrace bestehende Rindviehstand ist bedeutend, besonders werden ... viele Ochsen und Stiere gehalten, die gemästet nebst den Kälbern Gegenstand eines namhaften Handels nach Stuttgart und in das Großherzogthum Baden sind. ...

Etwa Stunde nordöstlich vom Ort stand auf einer gegen das Agenbacher-Thal vorgeschobenen Bergspitze die Burg Steinberg, von der noch Graben und Wall sichtbar sind; unfern dieser Burg befinden sich im Staatswald Herrenplatte sieben Grabhügel.

An der westlichen Markungsgrenze, welche zugleich die Oberamtsgrenze zwischen den Bezirken Herrenberg und Nagold bildet, läuft eine ehemalige Römerstraße unter der Benennung "Hochsträß" hin. ...

Ober-Jettingen (alt Uetingen), ursprünglich pfalzgräflich-tübingischer Boden, war bald nach der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts an den Grafen Burkhard von Hohenberg.... gelangt.

Genannter Graf verkaufte den 4. Juli 1288 Ober-Jettingen (oppidum superius Uetingen) für 200 Pfund Heller an das Kloster Reuthin. ... Mit der Erkaufung der Vogtei, Herrlichkeit und Gerechtigkeit über das Kloster Reuthin am 23. Juni 1363 und 10. August 1440 ... und vollends durch die Reformation kam das Dorf an Württemberg. ...

Der Text wurde gekürzt

Mit freundlicher Genehmigung des Bissinger-Verlags Magstadt

Die Württembergischen Oberamtsbeschreibungen
Im Jahre 1820 wurde auf Dekret des württembergischen Königs Wilhelm I das "königliche statistisch-topographische Bureau" in Stuttgart gegründet. Zwischen 1824 und 1886 wurden dort genaue Beschreibungen aller 64 württembergischen Verwaltungsbezirke und ihrer Gemeinden erarbeitet. Als 34. Band erschien im Jahre 1855 die Beschreibung des Oberamts Herrenberg. Die Oberamtsbeschreibungen sind eine interessante und unverzichtbare Quelle zur württembergischen Landeskunde und werden als Reprint immer wieder aufgelegt.

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