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Mötzingen>>Oberamtsbeschreibung
"Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde, kräftige Leute ..."

Mötzingen in der Herrenberger Oberamtsbeschreibung 1855

Quelle: Beschreibung des Oberamts Herrenberg. Herausgegeben von dem königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1855

Bild: Alte Postkartenansicht von Mötzingen (Aus: Herrenberg - Stadt und Amt in alten Ansichtskarten, hrsg. von T. Schmolz und R. Janssen, Herrenberg 1988) - klicken Sie in das Bild, um es zu vergrößern

Mötzingen Gemeinde III. Klasse mit 960 Einwohnern, worunter 2 Katholiken - Evang. Pfarrei. Die Katholiken sind nach Hailfingen, O.A. Rottenburg eingepfarrt.

Am westlichen Saume des Gäus liegt 2 Stunden südwestlich von Herrenberg, frei und hoch das namhafte, übrigens ziemlich unregelmäßig gebaute Dorf. Die Gebäude sind von mittelmäßigem Ansehen, und die im Jahre 1782 in einem nicht kirchlichen Styl erbaute Ortskirche hat nichts Bemerkenswertes; ...
Statt des früher um die Kirche gelegenen Begräbnisplatzes wurde 1813 außerhalb des Orts an die Vicinalstraße nach Nagold ein neuer angelegt, weil aber auf demselben die Leichname zu lange nicht verwesten, so ließ die Gemeinde im Jahre 1840 eine weitere 2 Viertel 19 1/5 Ruthen1* große Begräbnisstätte an der Vicinalstraße nach Bondorf herstellen.

Das in der Nähe der Kirche, an der östlichen Ortseite gelegene Pfarrhaus, dessen Unterhaltung dem Staat obliegt, befindet sich in gutem Zustande und bildet mit seinen Nebengebäuden, Garten e. c. einen angenehmen, geschlossenen Pfarrsitz.
An der Hauptstraße steht das 1745 - 46 erbaute, gut erhaltene Rathaus; dasselbe enthält zugleich die Volksschule und die Wohnung des Lehrgehilfen, während der Schulmeister in einem 1832 neu erbauten, der Gemeinde gehörigen Hause nächst der Schule wohnt.
Außer einem von den Ortsbürgern benützen Backhaus, das übrigens einem Privatmann gehört, sind noch zwei der Gemeinde zustehende Waschhäuser vorhanden; zwei Zehentscheunen gingen in Folge der Ablösung im Jahre 1851 von dem Staat in Privathände über. An dem südöstlichen Ende des Dorfes steht das Schloß2*, zu dem früher ein besonderes Schloßgut gehörte. Dieses in einem einfachen Styl erbaute Gebäude ist sowohl in seinem Innern als Aeußeren sehr herunter gekommen und hat nichts Bemerkenswerthes.

Gutes Trinkwasser liefert ein Rohr- ein Schöpf- und mehrere Pumpbrunnen, überdies besteht eine Wette im Ort und ein kleiner Weiher im Schlossgarten. ...

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde, kräftige Leute, welche sich durch Feldbau und Viehzucht ihr redliches Auskommen sichern, und mit einer eingezogenen Lebensweise großen Fleiß verbinden; wie sich denn auch hier die selten gewordene Erscheinung zeigt, dass selbst in neuster Zeit die ökonomischen Verhältnisse der Einwohner im Allgemeinen sich gebessert haben. Die Gewerbe sind ganz untergeordnet und von solchen nur drei Schildwirthschaften, worunter eine Bierbrauerei, und zwei Kramläden zu nennen.

Die natürlichen Verhältnisse sind ziemlich günstig; die mittelgroße, gut arrondierte Markung ist größtentheils eben, ... . Sie hat durchschnittlich einen ergiebigen Boden ... . Das Klima ist gesund, übrigens etwas rauher als in Bondorf ... Der größte Besitz beträgt 95 Morgen3* Feldgüter. ...

Der ausgedehnte Wiesenbau liefert ein vortreffliches Futter und erlaubt einen bedeutenden Viehstand, der einen namhaften Erwerbszweig der Einwohner bildet; ... Das in großer Ausdehnung gezogene Obst ... gedeiht im östlichen Teil der Markung gerne ... . In günstigen Jahren wird ein beträchtlicher Handel mit Obst in den Schwarzwald getrieben. ...

Neben den Einkünften der Gemeinde- und Stiftungspflege ist noch eine jährliche Gemeindeschadensumlage von 900 fl.4* erforderlich. Unter den Kapitalien der Stiftungspflege befinden sich 250 fl., deren jährliche Zinse an Arme vertheilt werden, ferner 100 fl. zur Anschaffung von Schulbüchern für unbemittelte Kinder. ...

Mötzingen kommt erstmals im Jahre 1100 vor, als Adalbert von Salzstetten das Kloster Hirschau mit der hiesigen Kirche und einem Gute begabte (Cod. Hirsaug. 29b) ... .
Auch dieser Ort mag in ältester Zeit unter Ahnherrn der Tübinger Pfalzgrafen gestanden haben; im 13. Jahrhundert waren bereits die Grafen von Hohenberg auch hier, wie sonst in benachbarten Tübinger Besitz eingerückt. ... 1581 veräußerte der Bischof (von Speyer)5* diese Erwerbung um den Ankaufspreis wieder an den Herzog Ludwig von Württemberg. ...
Bald nach dem Ankauf Mötzingens verlieh Herzog Ludwig Schloß und zugehörigen Hof, Garten und Scheunen .... an seinen Obervogt in Herrenberg, Burckhard von Anweil ... . Am Ende kam es in bürgerliche Hände ...

1

1 Ruthe = 16 Fuß oder Schuh = 4,58 m

2

Von dem 1582-84 von Heinrich Schickardt für die Familie von Annweil erbauten Landschloss steht heute nur noch das Erdgeschoss.

3

1 württ. Morgen = 31,52 Ar

4

1 Gulden (fl) = 60 Kreuzer (kr). Nach der Währungsumstellung entsprach 1 Gulden ca. 1,71 Mark. Legt man für eine grobe Währungsumrechnung bestimmte aktuelle Lebensmittelpreise zugrunde, dürfte ein Kreuzer etwa den Gegenwert von 0,80 gehabt haben. Die Guldenwährung im süddeutschen Raum bestand von ca. 1550 - 1875.

5

Bischof Markwart von Speyer hatte "Schloß und Dorf Mötzingen mit allen Zugehörungen, Gerichtsbarkeit und Herrlichkeit" erst 1580 für 12.000 fl. gekauft.

Der Text wurde gekürzt

Die Württembergischen Oberamtsbeschreibungen
Im Jahre 1820 wurde auf Dekret des württembergischen Königs Wilhelm I das "königliche statistisch-topographische Bureau" in Stuttgart gegründet. Zwischen 1824 und 1886 wurden dort genaue Beschreibungen aller 64 württembergischen Verwaltungsbezirke und ihrer Gemeinden erarbeitet. Als 34. Band erschien im Jahre 1855 die Beschreibung des Oberamts Herrenberg. Die Oberamtsbeschreibungen sind eine interessante und unverzichtbare Quelle zur württembergischen Landeskunde und werden als Reprint immer wieder aufgelegt.

Mit freundlicher Genehmigung des Bissinger-Verlags Magstadt

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